Nach einem längeren Aufenthalt in Calgary führte unsere Reise weiter in den Osten von Kanada. Wir durften dort Andrea’s Gotte und ihren Mann besuchen, die erst gerade diesen Frühling aus der Provinz Ontario in die Provinz Québec umgezogen waren. Ihre neue Farm steht etwas ausserhalb von Quyon. Das kleine Dorf liegt rund 45 Minuten westlich von Ottawa, der Hauptstadt Kanadas.

Ein bisschen kanadische Geschichte in der Hauptstadt

Gleich am ersten Wochenende unseres Besuchs hatten wir die Möglichkeit, mit Andrea’s Cousine, die ebenfalls in der Nähe von Quyon wohnt, nach Ottawa zu fahren. Wir wollten vor allem die Gebäude auf dem Parliament Hill besuchen gehen, die schon von Weitem enorm eindrücklich aussehen. Wie wir am Abend vorher aus dem Reiseführer erfahren hatten, kann man die Gebäude im Rahmen von Gratistouren besuchen. Die Tickets für diese Touren sind aber limitiert und werden jeden Tag ab neun Uhr morgens im Touristenbüro verteilt. Dies ganz nach dem Prinzip «äs hät solangs hät». Da wir an diesem Samstagmorgen schon sehr früh in Ottawa eintrafen, reihten wir uns also kurzerhand in die noch überschaubare Schlange vor dem Touristenbüro ein. Es öffnete zwar erst in mehr als einer Stunde, aber da wir gelesen hatten, wie beliebt die Touren sind, konnten wir diese Spitzenposition natürlich nicht mehr hergeben. Und tatsächlich: eine halbe Stunde später erstreckte sich die Schlange bereits bis zum nächsten Strassenblock, es war der absolute Wahnsinn! Als es dann endlich neun Uhr war, gelang es uns relativ locker, Tickets für zwei verschiedene Führungen zu ergattern. Zum einen konnten wir den East Block besuchen, zum anderen auch noch den Centre Block. Beide Führungen waren spannend gestaltet. Wir erfuhren sehr viel über die politische Geschichte Kanadas. Auch architektonisch gesehen waren die Gebäude sehr interessant. Es hatte sich also definitiv gelohnt, dass wir so lange für die Tickets angestanden waren! 😉

  

Weitere Attraktionen in Ottawa

Nach den beiden Touren auf dem Parliament Hill hatten wir noch ein bisschen Zeit für einen ausgedehnten Spaziergang durch Ottawa. Wir verköstigten uns am By Market, einem Viertel mit vielen Restaurants, kleinen Läden, Pubs und einem Farmer’s Market. Dort gönnten wir uns auch zum ersten Mal einen «Beavertail». Das ist ein in Kanada beliebtes Süssgebäck in Form eines Biberschwanzes, welches mit zusätzlichen Zutaten wie Nutella, Zimtzucker oder Früchten aufgepeppt wird. Unser Spaziergang führte uns auch an einem War Memorial vorbei und schliesslich zum Ottawa River. Der Fluss stellt nicht nur eine geografische, sondern auch eine linguistische Grenze dar. Denn über weite Strecken trennt er die beiden Provinzen Ontario und Québec voneinander. In Ontario spricht die Mehrheit der Bevölkerung Englisch, in Québec dominiert Französisch. Von der anderen Seite des Flusses hatten wir einen wunderbaren Blick auf den Parliament Hill, den Rideau Canal und das Château Laurier. Uns hat der Ausflug nach Ottawa sehr gefallen. Die Stadt hat vor allem viele schöne ältere Gebäude zu bieten. Da vermisst man eine Skyline für einmal wirklich nicht.

 

Alltag auf der Farm

Die meiste Zeit verbrachten wir jedoch nicht mit Sightseeing, sondern auf der Farm von Andrea’s Gotte und ihrem Mann. Nach so vielen Monaten auf der Reise genossen wir es sehr, wieder einmal etwas Alltagsluft zu schnuppern. Wir freuten uns sogar richtig, dass wir bei einigen Arbeiten mitanpacken konnten und ab und zu gewaltig ins Schwitzen kamen. Wir konnten nämlich beim Bau einer neuen Garage und beim Bau eines zusätzlichen Stalls mithelfen, oder kleinere Arbeiten in und ums Haus übernehmen. Da wir beide aus Berufen kommen, die nicht allzu viel mit Handwerk zu tun haben, war es doppelt schön, unsere Kompetenzen in diesem Gebiet ein bisschen zu erweitern. Und wieder einmal körperlich zu arbeiten, tat uns auch sehr gut, da wir das Sporttraining ja beide sehr vermissen. Während der Arbeit auf der Farm blieb uns zum Glück auch immer wieder Zeit, die unglaublich süssen neugeborenen Kätzchen von Andrea’s Cousine zu besuchen oder dem Hund eine Streicheleinheit zu verpassen.

 

 

Fliegende Stühle und Trampoline…

Ein besonderes Highlight im eher negativen Sinn bescherte uns eines Tages ein ziemlich heftiges Unwetter. Noch während wir draussen am Arbeiten waren, konnten wir zusehen, wie sich der Himmel immer mehr verdunkelte. Dichte, schwarze Wolken zogen auf und kündeten ein Gewitter an. Wir hatten den ganzen Tag über hart geschuftet und freuten uns alle schon auf das Abendessen und die Dusche. Kaum sassen wir am Tisch, begann es draussen heftig zu winden und kurz darauf zu regnen. Es windete so stark, dass ein Stuhl vom Balkon über das Geländer in die Wiese hinausgetragen wurde, dass sich das Trampolin überschlug und dass die komplette Holzkonstrukion der neuen Garage umgeweht wurde und wieder auf dem Boden landete. Das Tüpfelchen auf dem i war dann aber noch, dass vermutlich wegen umgestürzten Bäumen der Strom in der gesamten Region ausfiel. Wir mussten insgesamt 21 Stunden warten, bis die Farm wieder Strom hatte. Mit sowas hätten wir zu Beginn unserer Kanada-Reise sicher nicht gerechnet… 😀

Nationalfeier in Ottawa

Der Schweizer Nationalfeiertag am 1. August fiel auf die Zeit, welche wir in Quyon auf der Farm verbrachten. Obwohl wir fernab der Heimat waren, wollten wir diesen Tag natürlich ein bisschen feiern. In Ottawa wird vom «Ottawa Valley Swiss Club» jedes Jahr eine Feier auf die Beine gestellt. Wir fuhren zusammen mit Andrea’s Gotte und deren Mann, sowie Andrea’s Cousine und deren Freund dorthin und waren sehr gespannt darauf. Zu unserer Überraschung war die Feier allerdings nur sehr klein. Immerhin gab es feine Bratwürste und Cervelats, die fast so gut schmeckten wie die richtigen zu Hause. 😉 Und die Schweizer Botschaft in Ottawa hatte nicht nur einen Mitarbeiter gesandt, um eine Rede zu halten, sondern auch gleich noch ein paar Flaschen Wein dazu! Nur das Feuerwerk und die Lampions fehlten ein bisschen, denn als es dunkel wurde, waren wir alle schon längst wieder auf dem Heimweg…

Ein bisschen Action zum Abschluss

Als kleine Belohnung für das Arbeiten auf der Farm gönnten wir uns am zweitletzten Tag unseres Aufenthalts in Quyon noch einen Ausflug auf den Ottawa River. Für einmal war aber keine Bootstour, sondern White River Rafting angesagt. Vor allem Patrick hatte das schon immer einmal ausprobieren wollen. Die Firma, mit welcher wir das Rafting machten, war nur etwa 25 Minuten von der Farm entfernt, was für uns natürlich ideal war. Wir wurden sehr freundlich empfangen und professionell instruiert. Ausgerüstet mit Helm und Schwimmweste ging es dann schon bald los. Die erste Stromschnelle, die wir ansteuerten, sah bereits ziemlich wild aus. Und prompt wurden wir von einer grossen Welle erfasst und unser Boot kippte ein erstes Mal um. Damit hatten wir wohl alle nicht gerechnet, dass wir so schnell im Wasser landen würden. Zum Glück waren wir mit gutem Material ausgerüstet und die Schwimmwesten sorgten dafür, dass wir sofort wieder an die Wasseroberfläche gelangten. Nach diesem fulminanten Start ging es den Rest des Tages in ähnlichem Stil weiter. Wir steuerten immer wieder ziemlich heftige Stromschnellen an, die wir zu bewältigen versuchten. Leider kippten wir bis zum Ende aber noch drei weitere Male aus dem Boot. 😉 Es wurde zwar mit jedem Mal etwas weniger schlimm, weil wir besser ahnen konnten, was uns erwartete. Aber obwohl wir genau wussten, was wir im Falle eines Kenterns zu tun hatten, wurden wir jedes Mal völlig unvorbereitet erwischt. Es fehlte einfach die Zeit, um überhaupt nachzudenken oder den Atem anzuhalten. So schluckten wir an diesem Tag bestimmt einige Liter Wasser. Unser Respekt vor der Gewalt des Wassers war enorm gross und wir waren stets froh, wenn alle wieder heil im Boot sassen. Dennoch machte das Rafting enorm Spass und war eine spannende Erfahrung. Abgerundet wurde der sehr unterhaltsame Tag dann auch noch mit einem leckeren Barbecue.

Kulinarisch von A bis Z verwöhnt!

Nach diesem tollen White River Rafting stand aber leider auch schon unser Abschied bevor. Viel zu schnell waren die beiden Wochen in Quyon vergangen. Wir wären gerne noch ein bisschen länger geblieben, denn wir genossen das Arbeiten auf der Farm und die Gespräche mit Andrea’s Gotte und ihrem Mann sehr. Ein grosses Dankeschön möchten wir an dieser Stelle nochmals Andrea’s Gotte ausprechen, die uns jeden Tag mit ihrem wunderbaren Essen verwöhnt hat. Wir kamen nicht nur in den Genuss eines Fondues und eines Raclettes, sondern auch noch weiterer Spezialitäten aus der Heimat wie Birchermüesli oder Wurst-Käse-Salat. Als Bonus gab es obendrauf jeden Tag selbstgebackenes Brot und am Sonntag sogar einen Zopf! So konnten wir nach Monaten der Entbehrung unsere Energiespeicher wieder einmal gründlich mit Schweizer Spezialitäten auffüllen. 😀 Wir fühlten uns rundum wohl und genossen diese beiden Wochen enorm. Herzlichen Dank liebe Familie Studhalter für eure Gastfreundschaft!

 

Unsere Reise führt uns nun von Quyon weiter nach Toronto. In der grössten Stadt Kanadas werden wir eine knappe Woche verbringen. Auf dem Programm stehen natürlich Sightseeing, aber auch wieder einmal ein bisschen Tennis am Rogers Cup. 🙂

Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen
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